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Verklären wir die Winter von früher?

Ein Wintertag in Tirol im März 2018 © Skiing Penguin
Ein Wintertag in Tirol im März 2018 © Skiing Penguin

Eine brandaktuelle Studie analysierte die Winter in Tirol seit 1895 und die Ergebnisse mögen viele erstaunen: Es wurde seit der Jahrhundertwende zwar um 1,4 Grad wärmer, in den letzten Jahren 30 allerdings wieder um 1,3 Grad kälter. Auch die durchschnittlichen Schneehöhen haben sich in der Zeit kaum verändert. Kritik an der Untersuchung ließ nicht lange auf sich warten. 

Der sehnsüchtige und manchmal verklärende Blick in die Vergangenheit ist nicht nur in Österreich beliebt. Früher scheint sehr viel um etliches besser gewesen zu sein. Neben den Preisen mitsamt der Währung, den Politikern sowie dem Fernsehprogramm natürlich vor allem das Wetter und das speziell im Winter. Früher wäre nicht nur aufgrund der kälteren Temperaturen viel mehr Schnee gelegen, sondern er kam auch früher und schmolz später, berichten einem immer wieder Menschen mit sehr viel Lebenserfahrung. Verfügt man selbst nicht über eine präzise Erinnerung an alle Winter von einst, lässt sich solchen Behauptungen auch nichts entgegenhalten. Viele sind froh, wenn sie sich den letzten Winter noch halbwegs vorstellen können.

Ganz genau wollten es nun die Meteorologen Christian Zenkl und Wolfgang Gattermayr sowie Schneehistoriker und Skitourismusforscher Günther Aigner wissen. Sie präsentierten ihre Studie „Die Winter in Tirol seit 1895. Eine Analyse amtlicher Temperatur- und Schneemessreihen“. Dafür untersuchten sie Temperaturdaten von allen sieben verfügbaren amtlichen Bergmessstationen aus den letzten 123 Jahren. Die Ergebnisse sind nicht nur auf 57 Seiten unter diesem Link nachzulesen, sie dürften viele auch überraschen. So heißt es etwa, dass die Wintertemperaturen „seit der Pionierzeit des alpinen Skisports Mitte der 1890er-Jahre auf den Bergen Tirols im linearen Trend zwar um 1,4 Grad Celsius gestiegen“ sind. Über die „letzten 50 Jahren sind sie jedoch statistisch unverändert“, es zeige sich weder eine nachhaltige Erwärmung noch eine Abkühlung. In den letzten 30 Jahren seien die Winter „sogar deutlich kälter geworden – um 1,3 Grad Celsius“. Das bedeute u.a., dass sich für einen heute etwa 60-jährigen Skisportler, der seit seiner frühesten Jugend auf Tirols Bergen Ski fährt, hinsichtlich der Wintertemperaturen keine nachhaltige Veränderung ergeben habe.

Dem Vorwurf Zeiträume von nur 30 Jahren zu analysieren, was für langfristige Entwicklungen keine Aussagekraft habe, entgegnet Günther Aigner: „Je nach gewählter Zeitspanne gibt es verschiedene Trends. Wir haben in der Studie drei Zeitspannen angeboten: 30 Jahre, 50 Jahre und 123 Jahre – dem Beginn des alpinen Skilaufs.“

Die Studie gibt es hier auch als 26-minütiges Video von Autor Günther Aigner:

Auch in der Schweiz ist die winterliche alpine Temperaturentwicklung der letzten fünf Jahrzehnte untersucht worden. In einer Analyse von Stephan Bader und Sophie Fukutome von 2015 heißt es etwa: „In der hier betrachteten Periode 1957/58 bis 2012/13 mit einer Länge von über 50 Jahren ist für den Messstandort Jungfraujoch im Winter insgesamt kein signifikanter Temperaturtrend nachweisbar.“

Die Untersuchung aller verfügbaren Schneemessreihen in Tiroler Wintersportorten ab 1918/19 bringe laut der Studie von Christian Zenkl, Wolfgang Gattermayr und Günther Aigner statistisch keinen Nachweis einer signifikanten Verringerung der jährlich größten Schneehöhen. Auch die jährliche Anzahl der schneebedeckten Tage sei nach der Auswertung aller verfügbaren Messreihen aus Tiroler Wintersportorten leicht sinkend, jedoch statistisch unverändert. Bei Betrachtung der letzten 30 Jahre (1988/89 bis 2017/18) könne bei den jährlich größten Schneehöhen und den Neuschneesummen eine gleichbleibende Tendenz festgestellt werden, während die Anzahl der Tage mit Schneebedeckung leicht sinkend sei, jedoch in einem für den Wintersport erträglichen Ausmaß.

Tirols jährlich größte Schneehöhe im Mittel von elf Messreihen im Zeitraum von 100 Jahren (1918/19 bis 2017/18) betrage 110 cm. Die Extremwerte finden sich 1943/44 mit 196 cm und 2013/14 mit lediglich 50 cm Schneehöhe. Die jährlich größten Schneehöhen im Mittel von 21 Messreihen aus Wintersportorten in und um Tirol in den letzten 30 Jahren (1988/89 bis 2017/18) laute 96 cm. Hier finden sich die Extremwerte 1998/99 mit 160 cm und 2006/07 mit nur 61 cm Schneehöhe.

In zehn Tiroler Skigebieten konnte man innerhalb der letzten 25 Jahre an durchschnittlich 141 Tagen pro Saison Ski fahren und der lineare Trend sei laut Studienautoren leicht ansteigend. Diese Entwicklung wird freilich auch durch die technische Beschneiung gefördert.

Das Klima in Tirol sei noch immer schneereich, heißt es © Skiing Penguin
Das Klima in Tirol sei noch immer schneereich, heißt es © Skiing Penguin

Nach Veröffentlichung der Studie regte sich umgehend Kritik an Christian Zenkl, Wolfgang Gattermayr und Günther Aigner. Ihre Arbeit sei im Auftrag der Tiroler Seilbahnbranche erstellt worden und die Ergebnisse demzufolge doch nicht so überraschend. Dem entgegnet Günther Aigner: „Es war eben keine Auftragsstudie der Seilbahnen. Die Studie zu machen, war meine Idee und mein Projekt, ich habe dafür Christian Zenkl und Wolfgang Gattermayr gewinnen können. Finanziert wurde sie über eine Art Crowd Funding, ein Teil der Gelder kam auch vom Fachverband.“

Außer Zweifel stehe der markante Temperaturanstieg auf den Bergen im Sommer und das seit Anfang der 1980er-Jahre: „Es ist offensichtlich, dass sich die alpinen Sommer über die letzten 40 Jahre stark erwärmt haben – die Winter hingegen nicht“, schreiben die Autoren. Ein Teil dieser Erwärmung könne mit häufigeren Hochdruckwetterlagen im Sommer erklärt werden, da auch die Sonnenscheindauer im selben Zeitraum um etwa 25 Prozent zugenommen hat. Dadurch werde der Rückzug der alpinen Gletscher beschleunigt. Günther Aigner erklärt: „Die Sommertemperaturen sind in den letzten 40 Jahren – salopp gesagt – explodiert. Die Jahresmittel auf den Bergen sind seit Mitte der 1970er-Jahre um fast 3,0 Grad angestiegen. Z.B. am Sonnblick, auf der Schmittenhöhe oder auch in Graz am Schöckl. Im Winter ist das eben nicht passiert. Die Klimaerwärmung in den Alpen ist dramatisch, aber bislang hauptsächlich im Sommer und nicht im Winter. Deshalb können wir im Winter noch gut Ski fahren.“ Kalte Winter nützen Österreichs abschmelzenden Gletschern übrigens gar nicht: „Die alpinen Gletscher reagieren hauptsächlich auf die sommerliche Witterung von Mai bis September“, sagt Aigner und die war in den letzten Jahrzehnten äußerst „gletscherfeindlich“.

Fazit, aber keine Prognosen

Resümierend heißt es in der Studie von Christian Zenkl, Wolfgang Gattermayr und Günther Aigner, dass Messdaten stets die Vergangenheit beschreiben und aus ihrer Analyse keine Prognosen für die Zukunft erstellt werden können. Nur so viel: „Betrachtet man die in dieser Studie ausgewerteten amtlichen Messdaten, so ist ein klimabedingtes Ende des Skisports in Tirol auf Basis der derzeitigen Kenntnislage nicht ableitbar. Das aktuelle Klima in Tirol bringt noch immer überwiegend schneereiche und kalte Winter.“

Auf jede wissenschaftliche Untersuchung kann natürlich jede Lesart angewendet werden. Daher schließen die Autoren ihre Analyse mit folgenden Worten: „Diese Studie enthält Interpretationen der statistischen Auswertungen. In den meisten Fällen ist dieser Interpretationsspielraum sicher sehr begrenzt, dennoch bleibt es dem Leser überlassen, die Daten und Grafiken nach seinem Ermessen zu deuten.“