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Sicher im ungesicherten Skiraum

Ein falscher Schwung im Gelände kann fatale Folgen haben © Alessandro Zappalorto/shutterstock.com
Ein falscher Schwung im Gelände kann fatale Folgen haben © Alessandro Zappalorto/shutterstock.com

Lawinenprävention ist mehr als nur gute Ausrüstung, macht Michael Larcher, Lawinenexperte des österreichischen Alpenvereins, bei seiner Vortragsreihe „Lawinen-Update“ deutlich. Um sicher im ungesicherten Skiraum unterwegs sein zu können, braucht es neben Pieps, Sonde und Schaufel auch Verständnis für die Schlagzeilen des Lawinenwarndienstes. 

So manchem Tiefschneefahrer oder Tourengeher kam die Zeit bis zum ersten großen Schneefall heuer recht lang vor. Doch als der Powder endlich da war, hat der Lawinenteufel schnell zugeschlagen: Nach nur wenigen Tagen war schon der erste Lawinentote der neuen Skisaison zu verzeichnen. Dabei ist die Zahl der Todesopfer in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. 16 von 396 beteiligten Personen überlebten einen der insgesamt 151 Lawinenabgänge im letzten Jahr auf österreichischen Boden nicht. Übrigens waren in der Saison 2017/18 ausschließlich männliche Todesopfer zu beklagen: „Der Lawinentod ist männlich“, berichtet Michael Larcher, Leiter der Abteilung Bergsport im österreichischen Alpenverein, bei seinem „Lawinen-Update“, das am Wochenende in Kitzbühel stattgefunden hat. Frauen seien vorsichtiger und bedachter in den Bergen unterwegs, so Larcher, und würden nicht nur in eine gute Lawinenausrüstung, sondern auch in entsprechendes Know-How investieren. 

Zeit spielt nach einem Lawinenabgang die entscheidende Rolle © Skiing Penguin
Zeit spielt nach einem Lawinenabgang die entscheidende Rolle, wie Michael Larcher zeigt © Skiing Penguin

In drei lehrreichen und gleichermaßen amüsanten wie durchdringenden Stunden klärte Lawinenexperte Larcher das Publikum über Lawinenprävention auf und gab Tipps für Ausrüstung und den Notfall:

Grundproblem Lawine 

„Ganz grundsätzlich sind Lawinen relativ seltene Ereignisse, aber immer mit einer enormen Bedrohlichkeit verknüpft“, stellt Michael Larcher fest. Um überhaupt entstehen zu können, brauchen Lawinen eine gewisse Steilheit. Bei Lawinenwarnstufe 3 sind etwa ein 35 bis 40 Grad steiles Gelände vonnöten. Ist die Schneedecke instabil aufgebaut, kann die obere Schicht unter großer bis kleiner Zusatzbelastung abrutschen. Während Sonnenhänge in der Regel eine relativ stabile Schneedecke haben, tragen schattige Lagen zu einem instabilen Aufbau der Schneedecke bei. Auch schneearme Winter haben eine instabilen Schneedeckenaufbau zur Folge. Betrachtet man die Winter der vergangenen Jahrzehnte, waren die schneearmen Winter immer deutlich unfallreicher. 

Lawinenarten 

Lawinen werden je nach dem Schnee, der für den Abgang ausschlaggebend war, klassifiziert. So gibt es Neuschnee-, Triebschnee-, Altschnee-, Nassschnee- und Gleitschneelawinen. „Neuschnee ist selten das Problem“, erklärt Michael Larcher. Gefährlich wird er aber, wenn er von Wind weitertransportiert wird und sich an unterschiedlichen Stellen wieder als Triebschnee sammelt. Je kürzer die Windverlagerungen her sind bzw. je frischer der Triebschnee ist (binnen der letzten 24 Stunden), desto gefährlicher ist er. Nach zwei bis drei Tagen gehe seine Gefahr wieder zurück, so der Lawinenexperte. 

Altschneelawinen treten in der Regel erst im Lauf des Winters auf, wenn sich in der Schneedecke eine Schwachschicht ausbildet, die zur darüber liegenden Schicht keine Bindung mehr liefert. Nassschneelawinen sind ein Frühjahrsproblem: Wenn durch die höheren Temperaturen Wasser in der Schneedecke frei wird, weicht es stabile Schneeschichten auf. Die Folge ist, dass die obere Schneeschicht keine Verbindung mehr zur unteren hat und abrutscht. Gleitschneelawinen gibt es auf steilen Grashängen mit einer Neigung von 35 Grad und mehr. Zwischen dem Untergrund und der untersten Schneeschicht bildet sich eine Feuchtigkeitsschicht, auf der sich der Schnee nicht mehr halten kann. Für gewöhnlich gehen Gleitschneelawinen von selbst ab und werden nicht von Menschen ausgelöst.

Michael Larcher erklärt die unterschiedlichen Lawinenprobleme © Skiing Penguin
Triebschnee ist die mit Abstand häufigste Ursache für Lawinen, erklärt Michael Larcher © Skiing Penguin

Lawinenwarnstufen 

Die fünfstufige Skala zur Einstufung der Lawinengefahr geht von gering (1), mäßig (2), erheblich (3), groß (4) bis sehr groß (5). Während es bei Stufe 1 keine Einschränkung im freien Gelände gibt, soll bei Stufe 5 komplett auf Fahrten bzw. Touren im ungesicherten Gelände verzichtet werden. Bei den Stufen 2 bis 4 ist es wichtig, gewisse Hangneigungen und Geländeformen zu meiden.

Genauso wichtig wie das Wissen über die Lawinenwarnstufen und ihre Bedeutung sind für Larcher aber auch die Schlagzeilen des Lawinenwarndienstes. Mit ungeschönten und durchdringenden Beispielen machte er deutlich, dass die meisten Unfälle bei vorausgesagten Triebschneeverhältnissen und Warnstufe 3 passieren: „Ein Drittel der Wintertage haben Lawinenwarnstufe 3. Von allen Lawinenabgängen passieren zwei Drittel genau während dieser Zeit“, berichtet der Experte. 

Die Lawinenwarnstufen werden überall im Skigebiet ausgehängt © Skiing Penguin
Die Lawinenwarnstufen werden überall im Skigebiet ausgehängt © Skiing Penguin

Zusatzfaktoren 

Auch wenn Bäume oft das Gefühl vermitteln, dass sie die Schneedecke stabilisieren: „Einzelne Bäume sind kein Lawinenschutz“, mahnt Michael Larcher. Nur geschlossene und dicht bestockte Waldflächen bieten den nötigen Schutz für eine sichere Abfahrt und einen geschützten Aufstieg. Auch wenn ein unberührter Hang deutlich ansprechender ist, stark verspurte Hänge bieten mehr Sicherheit. Larcher definiert diese Zonen folgendermaßen: „Mehrere Spuren laufen ineinander und bilden einen Korridor, in den ich keine neue Spur legen kann, ohne eine andere zu berühren.“

Grundsätzlich lösen die Abfahrten im ungesicherten Skiraum deutlich mehr Lawinen aus als der Aufstieg auf Fellen. Dabei spielen auch Stürze, die beim Fahren natürlich häufiger vorkommen, eine entscheidende Rolle: „Der Impuls eines Sturzes ist sieben mal so groß wie ein Schwung“, so Michael Larcher, „das geht weit über eine geringe Zusatzbelastung hinaus“. 

Ausrüstung 

Zur absolut notwendigen Ausrüstung für Fahrten im freien Gelände zählt Larcher einen Lawinenpieps, eine Schaufel und eine Sonde, die mindestens 240 cm lang ist. Alle drei Komponenten verkürzen die Suche im Ernstfall um bis zu 75 Prozent. Auch ein Erste-Hilfe-Set, ein Biwaksack und ein Handy sind immer mitzuführen. Aber Achtung: Das Handy stört das Signal des Lawinenpieps übrigens auch im ausgeschalteten Zustand. Daher empfiehlt Larcher, immer einen Mindestabstand einzuhalten: Im Sendemodus 20 cm, im Suchmodus einen halben Meter. 

Auch ein Lawinenairbag ist sehr ratsam. Im Fall eines Schneebretts liefert er mehr Auflagefläche, sodass das Opfer an der Schneeoberfläche gehalten wird. „Der Airbag schützt aber nicht vor allen Verletzungen und kann auch von der Lawine, Steinen oder Ästen zerstört werden“, mahnt Michael Larcher. Und Voraussetzung, dass er überhaupt helfen kann, ist, dass er ausgelöst wird. Viel zu oft glauben Lawinenopfer, dass sie der Lawine entkommen können und lösen nicht aus – ein fataler Fehler.