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Ein zweites Leben für alte Ski

Jakob Lederer in seiner Skimöbel-Werkstatt © Skiing Penguin
Jakob Lederer in seiner Skimöbel-Werkstatt © Skiing Penguin

Sessel statt Sperrmüll: Nördlich von Graz haucht Jakob Lederer alten Ski neues Leben ein. Der 39-jährige Maschinenbauer verarbeitet lieb gewonnene, aber nicht mehr benutzbare Latten zu Bänken, Tischen, Schaukelstühlen, Spiegeln und vielem mehr. 

Die Möbel heißen Armin, Alexandra, Annemarie, Hansi, Hermann, Renate oder Ulli. Und weder ist hier ein „Heimattischler“ am Werk, noch hat der schwedische Möbelriese sein Sortiment um ein Österreich-Special erweitert. Außerdem gibt es auch die Modelle Aksel, BodeDidier, Lindsey, Kjetil oder Wendy. Trotz so legendärer Querverbindungen zum Skisport befinden wir uns aber alles andere als in einer Wintersportmetropole – im Gegenteil. Willkommen in Weinitzen, einem 2600-Einwohner-Ort im Norden von Graz.

Hier tüftelt und arbeitet Jakob Lederer in der penibel aufgeräumten Garage seiner Eltern. Der Grazer entwirft und baut Möbel aus alten Ski, sein kleines Unternehmen hat er praktischerweise einfach „Skimöbel“ genannt. Heuer feiert seine ungewöhnliche Idee ihren zehnten Geburtstag. Begonnen hat alles mit einer Mischung aus einer Sammelleidenschaft und Zufall: „Ich bin begeisterter Skifahrer und hab meine Ski immer aufgehoben und nie weggeschmissen. Mir war immer Leid um sie“, erzählt der 39-Jährige. Als sich im Elternhaus über die Jahre aber bereits über zehn abgefahrene Paare (fast) zu Tode gestanden bzw. gelegen hatten, wurde es Mama und Papa zu viel: „Dann hat es geheißen: ,Es reicht, jetzt kommen die Ski zum Sperrmüll!‘“ In dieser Drucksituation avancierte Jakob Lederer zum geschickten Kreativgeist: „Ich hab dann aus meinen Ski einfach schnell eine Bank gebaut.“

Bank Armin als Sondermodell aus Alpin-, Sprung- und Langlaufski © Skiing Penguin
Bank Armin als Sondermodell aus Alpin-, Sprung- und Langlaufski © Skiing Penguin

So schlecht sei ihm seine Ur-Bank vor über zehn Jahren nicht gelungen, erinnert sich Jakob Lederer. Nicht ganz unstolz verschickte er davon Bilder an Freunde und schrieb dazu: „Das macht man, wenn man nicht Diplomarbeit schreiben möchte.“ Das Feedback war gut. Zwei Kumpels orderten umgehend ein Modell und dem Skimuseum in Mürzzuschlag konnte er auch eine seiner handgefertigten Sitzgelegenheiten schmackhaft machen.

Dennoch schob Jakob Lederer den Abschluss seines Studiums nicht ewig hinaus. Er nahm sich zwar zwischendurch fast ein Jahr Auszeit, um u.a. in Chile nicht nur Spanisch zu lernen, sondern auch um als Skilehrer zu unterrichten, trotzdem schloss er die Uni ab. Und das richtig standesgemäß für einen passionierten Skifahrer: Das Maschinenbau-Studium (Studienzweig Verkehrstechnik) beendete er mit einer Diplomarbeit zum Thema: „Materialseilbahnen. Stand der Technik und Perspektiven“. Die Absicht, sich als Skimöbel-Designer im Jahr 2008 selbstständig zu machen, wurde aber ringsum belächelt. Nach dem Motto: Immerhin habe er etwas G’scheites studiert, jetzt müsse er auch etwas Entsprechendes machen und ordentlich verdienen. Die Zweifel und solche Reaktionen haben ihn „erst recht motiviert, es zu probieren“.

Lederer hat für seine Möbel Ski in allen Längen und Farben © Skiing Penguin
Lederer hat für seine Möbel Ski in allen Längen und Farben © Skiing Penguin

Anfangs waren die Ski für seine Möbel Spenden oder wurden oft von Kunden mitgebracht. Das ist heute zwar auch noch so, doch inzwischen kauft Jakob Lederer auch Altbestände aus Sportgeschäften – mit teilweise unbenutzten Modellen aus längst vergangenen Zeiten. Die Latten werden gereinigt, entrostet sowie versiegelt und fortan dem neuen Einsatzort gemäß zugeschnitten, gebogen und geschraubt. Die Angebotspalette ist mittlerweile beachtlich: So gibt es etwa Lehnstuhl Hansi, Spiegel Lindsey, Sessel Alberto, Stehgarderbobe Pirmin, Sonnenliege Renate, Küchenrollenhalterung Anja oder Schuhlöffel Wendy u.v.a. 

Neben dem nach Lindsey Vonn benannten Spiegel gibt es auch andere ziemlich zutreffend gewidmete Stücke: So heißt der Barhocker Bode nach Partytiger Bode Miller und der Beistelltisch Aksel nach Aksel Lund Svindal. Und weil der Norweger ein Allrounder ist, kann der Beistelltisch freilich auch als Nachkästchen, Hocker oder Fußablage verwendet werden. Die Bank heißt übrigens deshalb Armin, weil Quizmaster Armin Assinger das damals noch namenlose Modell in der „Kleinen Zeitung“ erblickt hatte und sogleich bei Jakob Lederer telefonisch orderte. Olympiasieger Thomas Morgenstern fertigte er eine Bank aus Skisprungski.

Jakob Lederer versucht, auch alte Bindungen und Platten wiederzuverwenden © Skiing Penguin
Jakob Lederer versucht, auch alte Bindungen und Platten wiederzuverwenden © Skiing Penguin

Eher unbeabsichtigt avancierte Jakob Lederer auch zu einem Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit. Natürlich war der 39-Jährige von Anfang an ein Künstler, der scheinbarem Abfall neues Leben einhauchte. Seit ein paar Jahren gelangt jeder, der online nach „skirecycling“ sucht, sofort zu den Skimöbeln aus der Steiermark: „Das hab ich lange nicht gewusst. Es liegt wohl daran, dass auf der Website steht, dass ich mich über Skispenden freue. Da rufen mich sogar Leute aus Hamburg an – wegen zwei Paar alter Ski.“ Eine Frau aus dem US-Bundesstaat Vermont googelte ebenfalls „skirecycling“ und ist inzwischen Besitzerin einer Armin-Bank: „Und das, obwohl es meine Website noch nicht auf Englisch gibt.“

Der diplomierte Maschinenbauer achtet auch während seiner Arbeit auf Wiederverwertung: „Ich schau, dass ich keine normalen Schrauben verwende, sondern mit gesammelten Schrauben aus alten Bindungen arbeiten kann.“ Außerdem bietet er neben dem Bau eigener handgefertigter Ski auch die Reparatur aller Arten von Latten an. Wer sich von seinen Ski just nicht trennen kann, hat in Weinitzen also gleich zwei Möglichkeiten, das Leben seiner Lieblinge zu verlängern: möbliert oder repariert.