Neu Pistentiger

Wenn der Ururenkel seinen Ururopa spielt

Wolfmar Reisch neben seinem Ururopa Franz Reisch © Skiing Penguin

Servus TV dreht derzeit eine „Heimatleuchten“-Dokumentation über den Skipionier Franz Reisch (1863 – 1920). Für die historischen Szenen schlüpft Wolfmar Reisch in die Rolle seines Ururopas. Ein Geschichte aus der Sicht eines Statisten.

„Und bitte“, sagt Sascha Köllnreitner mit entspanntem Tonfall und ich denke mir: „Wie bitte?“ Fast 40 Jahre lang wird einem durch Hollywood eingebläut, dass der Beginn von Dreharbeiten mit einem bestimmten „Action“ eingeläutet wird und dann heißt es plötzlich völlig unaufgeregt „Und bitte“? So ein Tag als Statist dient in erster Linie als lehrreicher Augenöffner. 

Wir befinden uns im Rathaus von Kitzbühel am Set der Dokureihe „Heimatleuchten“. Gedreht wird hier ein sogenanntes Reenactment, das sind Szenen aus der Geschichte, die nachgestellt werden. Erzählt wird aus dem Leben von Franz Reisch (1863 – 1920), einem visionären Skipionier und Bürgermeister, dem Kitzbühel nicht nur den Tourismus verdankt, sondern auch Hotels, Almhütten, die ersten Skilehrer sowie den Beginn von Eishockey und Curling in der Gamsstadt. Außerdem hatte sich Franz Reisch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Kopf gesetzt, dass Kitzbühel ein großes Skirennen veranstalten sollte. Und genau diese Szene wird im Rathaus gerade nachgestellt: Franz Reischs Verhandlungen mit dem Tiroler Skiverband. 

Rund 20 Menschen wuseln um uns Statisten herum. Dazu zählen etwa der Regisseur, der Produzent, Kameramänner (ja, „nur“ Männer), Tontechniker sowie die Frauen von Maske und Kostüm (ja, „nur“ Frauen). „Und bitte“, bittet Regisseur Sascha Köllnreitner neuerlich und wir Statisten bemühen uns, die Szene so authentisch wie möglich nachzuspielen. Neben Franz Reisch, gespielt von seinem Ururenkel Wolfmar Reisch, sitzen vier weitere Herren am Tisch, beraten und gestikulieren. Wir dürfen übrigens sagen, was wir wollen, denn das gesprochene Wort wird in der Doku ohnehin nicht zu hören sein. Obwohl niemand im Raum raucht – weder vor noch hinter der Kamera – hängen dicke Nebelschwaden in der Luft. Die Nebelmaschine lässt die ultrascharfen 4K-Filmaufnahmen wieder älter wirken, heißt es. 

Die Rathaus-Szene: „Die Maske“ kümmert sich um Wolfmar Reisch in der Rolle des Franz Reisch © Skiing Penguin

Keine 90 Minuten später ist die Szene, die in der Doku nur wenige Sekunden zu sehen sein wird, im Kasten. Das Team arbeitet sehr effizient, allerdings ist es natürlich etwas einfacher, wenn Texthänger keine Rolle spielen können. Nicht minder effektiv arbeitet Sascha Köllnreitner bei den Außenaufnahmen in der Innenstadt Kitzbühels. Wer glaubt, man würde die Stadt absperren, um in Ruhe filmen zu können, der irrt. Mitten im Trubel eines Mittwochvormittages werden mehrere Szenen von Franz Reisch bzw. Franz Reisch mit seiner Gattin gedreht. Kreuzt ein nichtsahnender Passant die Aufnahme, beginnt man einfach von vorne. Braust ein moderner SUV an der Szene aus dem Jahr 1913 vorbei, wartet man einfach zu. Bemerkenswert ist auch die Faszination, die Dreharbeiten auf die Passanten ausüben: Allerorts bilden sich binnen kürzester Zeit Menschentrauben, die zusehen, fotografieren und filmen. Trotz unserer historischen Kostüme dürften die meisten gedacht haben, sich am Set von „Soko Kitzbühel“ zu befinden.

Was Franz Reisch in Kitzbühel zur Ikone gemacht hat, war seine weitsichtige Idee, sich erst Skier aus Norwegen liefern zu lassen und dann das Kitzbüheler Horn zu besteigen. Von dem 2000 Meter hohen Berg zog er am 15. März 1893 zum ersten Mal Schwünge in den Schnee und legte somit den Grundstein für die heutige Bedeutung des Ortes als Sportstadt von Weltrang. Das sind auch die Bilder, die der Dokumentation noch fehlen – jene im Schnee: „Das zählt auch zu den größten Schwierigkeiten. Erstens hoffen wir nicht nur auf Schnee, sondern auf viel Schnee“, sagt Regisseur Sascha Köllnreitner – und das im November.

Weniger zum Problem wird für die Produktion, dass der Gipfel des Kitzbüheler Horns optisch nur mehr wenig mit dem Gipfel von 1893 zu tun hat. Neben einem Sendemasten befinden sich dort auch drei Bergstationen: „Die Schwierigkeiten, die gegeben sind bzw. die es geben kann, löst man damit, dass man schummelt, wo es nur geht”, erklärt Sascha Köllnreitner, ein gebürtiger Oberösterreicher. Er präzisiert: „Man sucht sich die Spots so aus, dass es interessant aussieht und so nah ist, dass man im Hintergrund keine modernen Häuser oder Liftstationen hat. Wenn wir das Kitzbüheler Horn aber auch einmal in der Totale zeigen wollen, müssen wir das in der Postproduktion rausretuschieren.“ Aber was, wenn es im November nicht geschneit hat? „Dann geht es auf einen Gletscher“, verrät der Filmemacher seinen Plan B. Wie viel die „Heimatleuchten“-Produktion kostet, möchte Sascha Köllnreitner nicht verraten, aber es ist ihm ein Anliegen, sich bereits mitten in den Dreharbeiten zu bedanken: „Die Zusammenarbeit mit den Beteiligten klappt wunderbar. Ein großes Danke an alle, die mit uns diese Dokumentation möglich machen.“ 

Sascha Köllnreitner prüft die letzte Szene auf seinem Monitor © Skiing Penguin

Riesigen Spaß an der Doku, die anlässlich von Franz Reischs 100. Todestag am 6. Jänner 2020 gedreht wird, hat vor allem Ururenkel Wolfmar, seines Zeichens Jung-Gastronom und – wie könnte es anders sein – Skilehrer im echten Leben: „Es ist eine sehr coole Erfahrung und ich genieße es sehr“, sagt der 28-Jährige über seinen ersten Schauspiel-Job. „Es ist sehr lustig, wenn man seine eigene Verwandtschaft spielen darf. Ich erkenne in meinem Ururopa auch  viele Züge, die der Familie bis heute erhalten geblieben sind. In erster Linie natürlich die Liebe zu den Bergen und die Liebe zum Skifahren.“

Ein Fünftel bis ein Viertel der Dokumentation wird aus Reenactment bestehen. Den Rest bilden Interviews mit Historikern, Familienmitgliedern und Kitzbühel-Insidern, wie es sie etwa im Skiclub gibt. Dazu kommen Fotos und rare Filmaufnahmen, die aber erst aus der Zeit nach Reischs Tod stammen. Über den Skipionier gibt es in der Gamsstadt natürlich unzählige Geschichten und G’schichtln. Wie schwer ist es, die richtigen Storys zu erzählen? „Wir befragen einfach viele Quellen und wenn drei Leute dasselbe erzählen, ist das schon ein ziemlich verlässliches Indiz“, erzählt Sascha Köllnreitner. „Außerdem gibt es vieles, das festgeschrieben ist. Wir erzählen die Geschichte von Franz Reisch ja nicht anhand von Gerüchten. Wir erzählen zudem in erster Linie belegte Historie und weniger die private Seiten.“ Nicht einmal Gerüchte gibt es derzeit zu einem Ausstrahlungstermin auf ServusTV. Ideal wäre es aber spätestens im Winter 2020.