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Anderl Molterer, der König vom Hahnenkamm

Anderl Molterer beim Hahnenkammrennen 2020 © Skiing Penguin
Anderl Molterer beim Hahnenkammrennen 2020 © Skiing Penguin

Viermal die Kombination, dreimal den Slalom und zweimal die Streif-Abfahrt – niemand holte sich in Kitzbühel mehr Siege als Anderl Molterer. Nun kehrte der 88-Jährige wieder einmal aus den USA an seinen früheren Hausberg zurück. 

Wer mit Andreas Molterer vom Ganslernhang in Richtung Ziel der Hahnenkamm-Abfahrt spaziert, kann nicht glauben, dass dieser Mann auf diesem Berg zuletzt vor 61 Jahren gewonnen hat. Der inzwischen 88-Jährige legt auf dem rutschigen Schnee ein Tempo hin, als ginge es ihm noch immer um die Bestzeit. Neunmal hat er in Kitzbühel, seiner Heimatstadt, triumphiert – so oft wie sonst keiner in der Geschichte dieses Rennens. Anderl (niemand nennt ihn Andreas) Molterer gewann viermal die Kombination, dreimal den Slalom und zweimal die Abfahrt auf der Streif. 1959, als er das letzte Mal jubelnd abschwang, war ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel gerade süße 17 Jahre jung und die Wiener Arbeiter-Zeitung titelte damals „Molterers Sieg ein Triumph der Nervenkraft“. 

Anlässlich der 80. Hahnenkammrennen Ende Jänner stattete er Kitzbühel zum ersten Mal seit 2017 wieder einen Besuch ab. Zuhause ist Anderl Molterer nämlich seit über 50 Jahren in den USA – der Liebe wegen. Bis heute genießt er in der Gamsstadt Heldenstatus, auch weil er Teil des Kitzbüheler Wunderteams war. Dazu zählten neben ihm Toni Sailer (1935 – 2009), Christian Pravda (1927 – 1994), Fritz Huber (1931 – 2017), Ernst Hinterseer (*1932) und Hias Leitner (*1935): „Wenn wir uns wiedersehen, sind wir wieder wie alte Freunde“, sagt Anderl Molterer, der zumindest mit Ernst Hinterseer ab und zu telefoniert. Mit Hias Leitner sah er sich heuer den Slalom am Ganslernhang gemeinsam an.

Im Starthaus auf der Streif wird an Anderl Molterer erinnert © Skiing Penguin
Im Starthaus auf der Streif wird an Anderl Molterer erinnert © Skiing Penguin

Den Sprung ins Nationalteam schaffte der gelernte Zimmermann 1950 und schon ein Jahr später fuhr er die ersten Siege ein. Phänomenal verlief die Saison 1952/53. In diesem Winter konnte er 19 Bewerbe für sich entscheiden: 6 Kombinationen, 5 Slaloms, 5 Riesenslaloms und 3 Abfahrten: „Welche Disziplin ich gefahren bin, war mir immer gleich. Ich war in der Abfahrt genauso gut wie im Slalom oder Riesenslalom“, sagt er stolz. Verwehrt geblieben ist ihm Olympia-Gold: In Cortina 1956 holte er aber Silber im Riesentorlauf und Bronze in der Abfahrt. Gold ging in den beiden Disziplinen sowie im Slalom an Toni Sailer. 

Gibt es irgendetwas von damals, das mit dem Rennzirkus von heute noch vergleichbar ist? „Nichts ist gleich wie früher“, antwortet Anderl Molterer ohne überlegen zu müssen. „Maximal die Farbe des Schnees. Die Ski sind anders, die Schuhe sind anders und die Leute sind besser trainiert“, sagt er, ehe ihm doch noch eine nicht unwesentliche Ähnlichkeit einfällt: „Das Rennfahren an sich ist natürlich das gleiche. Wir haben damals das Beste gegeben und die geben heute das Beste”, und deutet dabei auf den Ganslernhang.

Anderl Molterer mit seiner Nichte Stefanie © Skiing Penguin
Anderl Molterer mit seiner Nichte Stefanie © Skiing Penguin

Anderl Molterer selbst stand vor drei Jahren zum letzten Mal auf Ski. Anlässlich des Charity Race beim Hahnenkammrennen am Zielhang der Streif: „Nein, das muss damals nicht der endgültige Schlusspunkt gewesen sein, aber ich lebe in Nashville. Da liegt ja kein Schnee. Zum Skifahren müsste ich nach Colorado fahren und das sind dann doch über 1100 Miles“, rutscht ihm immer wieder ein englischer Begriff durch.

Kitzbühel und Österreich fehlen ihm in den USA. Aber wenn er in der alten Heimat zu Besuch ist, gehen Anderl Molterer natürlich seine Frau Kay und der Hund ab, die diesmal in Nashville geblieben sind. Ein kleines Dilemma. Aber bislang ist er immer wieder an den Hahnenkamm zurückgekehrt – „an den Ort meiner schönsten Siege, denn z’haus gewinnen, war immer das Größte.“ Der nächsten Heimkehr steht eigentlich nichts im Wege.