Die 86. Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel hätten kaum besser verlaufen können und sorgten bei den erfolgreichen Läufern vor 87.000 Fans vor Ort und Millionen vor den Bildschirmen für so viele Tränen wie noch nie – nicht nur aus Freude.
Es war fast kitschig: Just wenige Stunden vor und während der FIS-Schneekontrolle am 9. Jänner brach der Winter über Kitzbühel herein. Auf Streif und Ganslern waren ausnahmsweise Tiefschneeski die idealen Brettln. Von der perfekten Unterlage unter rund 20 Zentimetern Neuschnee konnte sich FIS-Renndirektor Hannes Trinkl dennoch ein genaues Bild machen: „Es ist wie jedes Jahr. Man kommt nach Kitzbühel und alles ist perfekt vorbereitet – so ist es auch heuer. Streif und Ganslern sind in einem rennfertigen Zustand.“
Die Wetterlage zeigte sich im Vorfeld der 86. Hahnenkamm-Rennen stets von der idealen Seite – und das bereits zwei Monate zuvor: Herbert Hauser (Pistenchef Streif) und Christian Schroll (stv. Pistenchef Ganslernhang) dankten der Bergbahn Kitzbühel für den technischen Schnee, der bereits ab November produziert wurde. „So konnten wir schon im Dezember einen Großteil der Strecke grundpräparieren“, erklärte Hauser und lobte dabei auch die unerschrockenen und präzisen Pistenmaschinenfahrer der Bergbahn. Auch nach der FIS-Pistenkontrolle änderte sich bis zur Rennwoche zum Wohlgefallen von Athleten, Veranstaltern und Fans nichts mehr: Die Temperaturen blieben kalt, nennenswerte Niederschläge blieben aus.
Die Streif bleibt unberechenbar
Nach dem ersten Abfahrtstraining wurden vereinzelt zwar Stimmen laut, dass sich die Streif schon ruppiger gezeigt habe, spätestens nach dem Sturz von Ken Caillot an der Mausefalle wurde jedoch jedem verdeutlicht, dass diese Abfahrtsstrecke niemals zu unterschätzen ist. Zum Glück kam der Franzose mit blauen Flecken davon. Was sich nach Wengen abgezeichnet hatte, fand auch in Kitzbühel seine Fortsetzung: Beide Abfahrtstrainings entschied Giovanni Franzoni für sich.
Im ersten Rennen, dem Super-G, kam dann doch wieder alles so, wie es viele erwartet hatten: Marco Odermatt siegte vor seinem Teamkollegen Franjo von Allmen und dem Österreicher Stefan Babinsky. Das Podium wies sogar große Ähnlichkeiten mit jenem des Vorjahres auf: Auch damals gewann die Schweizer Ausnahmeerscheinung, flankiert von einem Österreicher (Raphael Haaser) und einem Teamkollegen (Stefan Rogentin).
Eine Abfahrt für die Geschichtsbücher
Für Marco Odermatt war der Super-G vor 21.000 Fans jedoch nicht mehr als eine Aufwärmübung für das große Ziel am Tag darauf: die Abfahrt vor 45.000 Zuschauern in einem seit Tagen ausverkauften Zielstadion. Und dieses Rennen verlief ungewöhnlich. Als sich Startnummer 2 an die Spitze setzte, dachte noch niemand daran, bereits die Siegerfahrt gesehen zu haben. Spätestens jedoch, als Startnummer 12 mit nur sieben Hundertstel Rückstand auf Rang zwei abschwang und sofort mit den Tränen kämpfte – nicht aus Freude –, wusste das Publikum: Heute durfte man etwas Besonderem beiwohnen. Bei der Flower Ceremony flossen schließlich bei allen die Tränen: beim umjubelten Sieger Giovanni Franzoni, beim enttäuschten Marco Odermatt und beim Überraschungsdritten Maxence Muzaton.
Der 24-jährige Italiener Giovanni Franzoni durchlebt seit Monaten die emotionalste Zeit seines Lebens. Im September verlor er seinen besten Freund und Teamkollegen Matteo Franzoso durch einen Trainingssturz in Chile. Im Dezember gelang ihm der Durchbruch im Weltcup, am 23. Jänner gewann er seine allererste Abfahrt – und das just in Kitzbühel. „Ich habe beim Start wieder an ihn gedacht“, sagte Franzoni über Matteo Franzoso, der für ihn wie ein großer Bruder gewesen sei. „Ich wäre so gerne gemeinsam mit ihm hier, und ich fahre für ihn. Was hier heute passiert ist, ist unglaublich und so emotional.“ Bei der Siegerehrung am Abend auf dem Zielhaus Red Bull hatte man das Gefühl, Zehntausende würden Italiens Hymne Il Canto degli Italiani (Fratelli d’Italia) mitsingen.
Am Sonntag fanden die großen Emotionen vor 21.000 Fans auf dem Ganslernhang ihre Fortsetzung: Nach zehn vergeblichen Anläufen gelang es Manuel Feller aus Fieberbrunn (Bezirk Kitzbühel) endlich, sein Heimrennen zu gewinnen – und das, obwohl er nach dem ersten Durchgang „nur“ auf Platz vier gelegen war. Nicht weniger spektakulär war die Aufholjagd von Linus Straßer, der ebenfalls auf dem Ganslernhang aufgewachsen ist und im benachbarten Kirchberg lebt: Dem Deutschen gelang der Sprung von Rang zehn auf Platz drei, hinter Halbzeitführer Loïc Meillard.
Es war ein Urschrei der Erleichterung, den Manuel Feller ausstieß, als er die so lange ersehnte Goldene Gams endlich in den Kitzbüheler Himmel stemmte. Für den 33-Jährigen schloss sich an diesem Tag ein Kreis, denn dieser Sieg besitzt für ihn einen höheren Stellenwert als olympisches Gold – das er im Februar noch holen kann: „Der Ganslernhang ist für mich größer als Olympia, denn es ist für mich der schwierigste Slalomhang – und dann diese Kulisse! Jedes Jahr sind so viele Leute von daheim hier.“
Fazit
Auch Michael Huber, Chef des Organisationskomitees, entgingen die Emotionen der Superstars nicht: „So viel geweint wie heuer wurde noch nie zuvor – und das im Rampenlicht. Der Weltöffentlichkeit zeigen Athleten derart große Emotionen nur sehr selten.“ Sein Fazit zu den 86. Hahnenkamm-Rennen passt auf ein (kleines) Post-it: „Besser hätte es nicht laufen können.“











