Neu Rund um den Weltcup

Marco Büchel und seine Ängste

Marco Büchel auf der Bühne im Rasmushof © Skiing Penguin

Der Liechtensteiner Marco Büchel (48) fuhr in seiner Karriere 300 Weltcup-Rennen, nahm an vier Olympischen Spielen und zehn Weltmeisterschaften teil. Als verwegener Abfahrer und Kitzbühel-Sieger kannte er keine Angst. Das war aber nur die halbe Wahrheit, wie er im Interview erzählt.

Ganz egal, vor welcher anspruchsvollen Abfahrt im Weltcup die Profis nach ihrer Angst befragt werden, sei es in Wengen, Gröden, Bormio, Beaver Creek oder Kitzbühel, die Antwort der Speedspezialisten ist immer die gleiche: „Angst ist ein ganz schlechter Begleiter, aber ich habe Respekt.“ Es scheint ein No-Go zu sein, sich im Spitzensport Angst einzugestehen. Zumindest solange Karriere und Kameras laufen. Marco Büchel hat die aktive Karriere seit 2010 hinter sich und heute gibt er unumwunden zu: „Angst war ein großer Begleiter.“ Eingebettet ist dieser große Satz allerdings in ein sehr humorvolles Referat, das er jüngst auf Einladung des Kitzbüheler Ski Clubs im Rasmushof am Fuße der Streif hielt. 

Der Mythos rund um Kitzbühel, „der schwierigsten, steilsten und geilsten Abfahrt der Welt“ (© Marco Büchel), arbeitet in den Athleten schon auf dem Weg zum Hahnenkamm: „Als ich das erste Mal im Auto nach Kitzbühel gesessen bin, hab ich mir bereits im Brixental gedacht: ,Bitte lass mich von hier wieder heil abreisen.‘“, erinnert sich der Liechtensteiner. Dafür, dass sich die wildesten Gedanken im Vorfeld noch potenzieren, sorgen die arrivierten Rennläufer: Jedem Neuling auf der Streif werden im Vorfeld dank seiner Kollegen alle möglichen Horrorgeschichten wieder ins Gedächtnis gerufen: Wer da nicht aller über den Zaun geflogen sei! Wie laut die Schreie der Stürzenden sind und wie viel Blut geflossen sei! „So begrüßt man in Kitzbühel alle Neulinge“, erinnert sich der 48-jährige Marco Büchel, der sein Weltcup-Debüt bereits 1991 gegeben hat, damals noch als Riesentorläufer

Als er in den 90er-Jahren dann einmal als Zuseher im Ziel der Streif stand, dachte sich der vernünftige Marco Büchel: „Kitzbühel werde ich nie gewinnen. Ich bin doch nicht krank im Kopf, dass ich mich da hinunterstürze.“ Aber in seinem Kopf wohnte stets auch der Draufgänger und der meinte: „Was bist du nur für ein Feigling!“. Durchgesetzt hat sich natürlich der verwegene Haudegen. Fortan war Marco Büchel nicht nur beseelt von dem Ziel, einmal in seinem Leben Kitzbühel zu gewinnen,  was ihm 2008 im Super-G auch gelang, sondern er hatte sich vor vielen Abfahrtsrennen regelmäßig seiner Angst zu stellen.

Marco Büchel analysiert seit 2011 für das ZDF © ZDF

Herr Büchel, ist Angst unter Weltcupläufern ein Tabuthema?
MARCO BÜCHEL: Nein, ist es nicht. 

Aber in Interviews spricht nie jemand von Angst, nur von Respekt.
MARCO BÜCHEL: Das ist eine Schutzbehauptung und jeder Rennläufer am Start ist Meister darin, das Angstgefühl leise zu stellen. Ganz unterdrücken kannst du es nicht. Was gegen die Angst hilft, sind Erfahrung und die Überzeugung, dass du es kannst – daran musst du glauben. 

Warum wagt es kein Weltcupläufer offen auszusprechen, dass man am Start auch Angst empfindet?
MARCO BÜCHEL: Weil es niemand gerne zugibt, dass er Angst hat. 

Ist diese Unehrlichkeit nicht sehr traurig und im Hinblick auf die Gesellschaft nicht auch falsch? So bleibt das Bild des scheinbar angstlosen Helden stets aufrecht.
MARCO BÜCHEL: Doch, das ist schon ein Fehler. Aber ich erzähle ein kleines Beispiel: Letztes Jahr hab ich Anna Maiers Website keinhochglanzmagazin.com ein Interview gegeben und über meine Angst gesprochen. Weißt du, wie oft mein Telefon geklingelt hat? Von Markus Lanz bis Barbara Stöckl über Radiostationen und Printmedien – alle wollten mit mir sprechen, weil ich mich hingestellt hatte und zugegeben hab, dass ich Angst hatte. Ich hatte in meiner letzten Saison die Hosen gestrichen voll, hatte Panikattacken und war kurz vorm Burn-out. Ich war am Boden und es war die Hölle. Hab ich es zugegeben während der Saison? Nein! Warum? Der Abfahrer gilt immer noch als Verkörperung des starken Mannes, eines Gladiators. Da passt Angst nicht dazu. 

Aber es ist eigentlich falsch.
MARCO BÜCHEL: Stimmt, eigentlich ist es falsch. Und ich will auch nicht für alle sprechen. Ich kenne auch Läufer, die da oben stehen und keine Angst haben – das sind Ausnahmen. 

Ist die Gesellschaft auch im Jahr 2019 noch immer nicht so weit, dass ein aktiver Abfahrer zugeben kann, dass er manchmal Angst hat? Oder dass ein aktiver Fußballer sagen kann, er sei schwul?
MARCO BÜCHEL: Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Und sich als Fußballer als homosexuell zu outen, ist ein größerer Schritt, als als Abfahrer zu sagen, dass man Angst hat. Trotzdem tut das niemand. Auch ich hab es nicht gemacht. Aber es hat vielleicht nichts mit der Gesellschaft zu tun, sondern ist eine Art Selbstschutz. 

Marco Büchel im Starthaus auf dem Hahnenkamm © Skiing Penguin

Apropos Angst vor der Abfahrt in Kitzbühel. Sie sind seit dem Ende Ihrer Karriere 2010 Experte im ZDF. Machen Sie – wie Hans Knauß für den ORF – Kamerafahrten?
MARCO BÜCHEL: Anfangs hab ich das für das ZDF bei Abfahrten mit großen Freuden gemacht. Das Problem ist aber folgendes: Ich bin zwar Experte bei allen Disziplinen von Damen und Herren, aber das ZDF überträgt nicht jedes Rennen. Wenn du jetzt also pro Saison nur zwei bis drei Abfahren kommentierst und die allererste der Saison ist womöglich Kitzbühel und du hast null Übung, dann ist es vernünftiger, es zu lassen. Und es war just auf dem Hahnenkamm in Kitzbühel, wo ich meine Karriere als Kamerafahrer vor ein paar Jahren beendet habe. Ich habe im Starthaus umgedreht und habe gesagt: Ich mach es nie mehr und daran halte ich mich. 

Sie haben 2008 den Super-G in Kitzbühel gewonnen. Ist der Stellenwert so hoch wie ein Sieg der Streif-Abfahrt?
MARCO BÜCHEL: Wenn man gemeinhin von Kitzbühel spricht, woran denkt jeder zuerst?

An die Abfahrt.
MARCO BÜCHEL: Natürlich. Der Hahnenkamm-Sieger ist der Abfahrtssieger. Nicht der Slalom-Sieger, nicht der Super-G-Sieger. Früher war es der Kombinationssieger. Die große Show ist die Abfahrt. Der Super-G ist geil, aber keine Ur-Disziplin hier in Kitzbühel und auch keine Ur-Disziplin im Skisport. Es ist geil, wenn du den Super-G gewinnst, und ich bin Kitzbühel-Sieger. Aber wenn du mich fragst: Natürlich hätte ich viel lieber die Abfahrt gewonnen. Aber da wurde ich leider nur Zweiter. Im Jahr 2006 fünf Hundertstel hinter Michael Walchhofer. 

Stimmt es, dass Ihre Frau Doris immer wieder einmal im Ziel gestanden ist und eine Tafel mit „Impress me“ in die Luft gehalten hat?
MARCO BÜCHEL: Das stimmt. Sie hat vor jedem Rennen zu mir gesagt: Beeindruck mich! Nicht etwa viel Glück oder toi, toi, toi, sondern beeindruck mich! 

Wie oft ist es Ihnen geglückt?
MARCO BÜCHEL: Ziemlich oft. Auch wenn ich Letzter wurde. 

Gehen Sie privat viel Ski fahren?
MARCO BÜCHEL: Privat findest du mich nicht mehr auf der Skipiste, aber ich bin, wenn möglich, jeden Tag auf Skiern: Ich liebe Skitouren. Das ist mein großes Hobby. Am liebsten in Liechtenstein, aber auch große Sachen mit Bergführer. Im Frühjahr etwa war ich am Mont Blanc. 

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