Neu Pistentiger

Neuer Chef und neue Pfade bei Kästle

Kästle steht seit 1924 auf Ski © Kästle
Kästle steht seit 1924 auf Ski © Kästle

Seit März hat Kästle einen neuen Eigentümer, seit September einen neuen Geschäftsführer. Im Interview umreißt der Tiroler Clemens Tinzl (37) seine Pläne für das Vorarlberger Traditionsunternehmen, dessen Ski sich in den USA großer Beliebtheit erfreuen. Nun arbeitet Kästle am Einstieg in den Langlaufsport. 

Kästle ist seit dem Jahr 1924 untrennbar mit dem Skisport verbunden und in den 70er- sowie 80er-Jahren setzte auch ein regelrechter Medaillenregen über den Weltcup-Profis auf den Latten aus dem Ländle ein. Mit der Übernahme von Benetton 1991 wurde allerdings 1996 das Stammhaus in Hohenems verlassen und drei Jahre später auch die Marke stillgelegt. Das Comeback erfolgte 2007, als eine österreichische Investoren-Gruppe um die Cross Industries AG Benetton die Markenrechte abkaufte und wieder Kästle-Ski in Österreich produzieren ließ.

Vor vier Jahren hat Bernd Knünz das Unternehmen als Geschäftsführer in Salzburg übernommen und die Marke 2015 zu den Wurzeln nach Vorarlberg und dort in die alt ehrwürdigen Hallen von Hohenems zurückgebracht, wo das Kästle-Logo seit jeher die Gebäudefassade ziert. Dort wird das Know-How für den Bau von Alpinski, aber auch für Kunstbahnrodeln und ab der Saison 2019/2020 für Langlaufski eingesetzt. Im März hatte sich die tschechische Unternehmensgruppe ConsilSport die Mehrheit an Kästle gesichert, seit Mitte September hat der gebürtige Tiroler Clemens Tinzl die Geschicke von Bernd Knünz übernommen. Der neue Geschäftsführer hat Wirtschaftswissenschaften sowie Rechtswissenschaften studiert und ist diplomierter Wirtschaftsprüfer. Bei Kästle war der 37-jährige Tinzl zuvor Finanzleiter.

Der neue Kästle-Chef Clemens Tinzl (l.) mit Vorgänger Bernd Knünz © Kästle
Der neue Kästle-Chef Clemens Tinzl (l.) mit Vorgänger Bernd Knünz © Kästle

Herr Tinzl, bei neuen Jobs lockt in erster Linie die neue Herausforderung. Worin bestehen für Sie die zwei größten und spannendsten Herausforderungen bei Kästle?
CLEMENS TINZL: Nach der Phase des Umbruches in den letzten drei Jahren mit dem Umzug zurück in unsere Hohenemser Heimat und dem Eigentümerwechsel im Frühjahr stehen wir nun am Beginn einer neuen Aufbruchsphase. Dabei gibt es in meinen Augen vor allem zwei Bereiche, die mir wichtig sind: Zuerst liegt unser Fokus auf nachhaltigem Wachstum. Durch ConsilSport, unseren neuen Mehrheitseigentümer, erhalten wir die nötigen Ressourcen, um unser Produktportfolio zu erweitern. Wir werden auf der ISPO 2019 ein doppelt so großes Sortiment präsentieren. Hier leistet die Mannschaft in Hohenems gerade unglaubliches, denn für diese Produkterweiterung haben wir weniger als ein Jahr Zeit. Dabei ist es besonders wichtig auf die Bewahrung unsere Markenwerte und das Erbe von Kästle zu achten.

Und der zweite Bereich? 
CLEMENS TINZL: Zweitens möchten wir unsere interne Forschung und Entwicklung sowie die angeschlossene Manufaktur am Standort Hohenems effizienter nutzen. Hier produzieren wir Prototypen und aufwändige Kleinserien im Ski-Bereich sowie die Rodeln für das Österreichische Nationalteam. Wir sind besonders stolz, dass wir mit diesen Rodeln bei der letzten Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen Gold-Medaillen im Eiskanal errungen haben. Dieses hohe Entwicklungs-Know-How in Hohenems ist ein wichtiger Erfolgsbaustein für innovative und trendige Kästle-Produkte.

Wofür steht Kästle im Jahr 2018?
CLEMENS TINZL: Kästle ist die österreichische Premiumsportmarke im Bereich Ski, deren Fokus auf höchste Qualität und Performance gerichtet ist. Durch uns kann sich der passionierte Skifahrer von der Masse abheben, ganz nach unserem Motto „Kenner fahren Kästle“.

Viele wissen nicht, dass Kästle in anderen Ländern präsenter ist, als in Österreich. Daher die Frage: Warum sieht man auf Österreichs Pisten kaum Kästle-Ski?
CLEMENS TINZL:
Österreich und die USA sind mit je einem Drittel unserer Verkaufsmenge die stärksten Absatzmärkte von Kästle. Das übrige Drittel teilen sich Frankreich, Schweiz, Norwegen und Länder wie Kanada, Japan oder Australien. Es liegt in der Natur der Sache, dass Kästle als Premiummarke im Nischenbereich eine geringere Visibilität am Markt hat, als die Großen unserer Branche. Prozentuell den höchsten Marktanteil haben wir aber zweifelslos in Österreich in der Arlbergregion. Dort liegen auch die Wurzeln von Kästle in den 1920er Jahren.

Warum funktioniert Kästle am US-Markt besser als in Österreich? Sind die Österreicher (noch) nicht (wieder) bereit für Kästle?
CLEMENS TINZL:
Ich kann nicht bestätigen, dass Kästle am US-Markt erfolgreicher ist als in Österreich. Es gibt jedoch gute Gründe für den Erfolg in den USA: Bei unserem Comeback 2007 hat man sich besonders bei der Vermarktung stark auf Freeride-Modelle konzentriert, die gerade in den USA starken Anklang finden. Und Kästle hatte in den glorreichen Jahrzehnten über 20 Prozent Marktanteil in den USA. Viele Skigebiete und Heliski-Destinationen in Übersee wurden von Österreichern mit Know-How aus den Alpen aufgebaut und dementsprechend groß ist das Vertrauen in die österreichische Traditionsmarke Kästle, die bald ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Wo in den USA sind Eure Märkte und was kostet ein Paar Kästle-Ski in Übersee durchschnittlich?
CLEMENS TINZL:
Den höchsten Marktanteil haben wir in Colorado mit bekannten Skiorten wie Vail oder Aspen. Aber auch in Wyoming, Utah oder im Westen der USA sind wir gut vertreten. Unsere meistverkaufte Modelllinie in den USA ist die MX Serie und unsere unverbindliche Preisempfehlung für die USA sind 1299 US-Dollar exklusive Bindung.

Spielt eine Rückkehr in den Ski-Weltcup  in den Zukunftsplänen eine Rolle? Die letzten Siege für Kästle fuhren Kjetil André Aamodt und Tom Stiansen ein.
CLEMENS TINZL:
Wir tragen natürlich aus der Vergangenheit Race-Gene in uns.  Eine Präsenz im alpinen Weltcup wie es Head oder Atomic leben, ist aber aktuell für uns als Nischenplayer eine Nummer zu groß. Auf der ISPO 2019 werden wir jedoch eine neue Langlaufkollektion präsentieren. Das Top-Modell davon ist auf Weltcup-Niveau und wird auch von Athleten zukünftig gelaufen werden. Somit haben wir neben unseren Freeride-Athleten auch im nordischen Bereich Aushängeschilder. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir unsere Speedkompetenz durch Gewinne bei Olympia- und Weltmeisterschaftsbewerben im Kunstbahnrodeln durch das österreichische Rodelteam auf den von uns in Hohenems hergestellten Rodeln beweisen konnten.

Die Vorarlbergerin Anita Wachter fuhr Ski aus ihrer Heimat © Kästle
Die Vorarlbergerin Anita Wachter fuhr Ski aus ihrer Heimat © Kästle

Wie wichtig ist heutzutage ein prominentes Gesicht à la Chris Davenport, Lorraine Huber oder David Lama, das Kästle fährt? 
CLEMENS TINZL:
Testimonials haben auch im 21. Jahrhundert einen Einfluss auf den Absatz von Produkten. Wir wählen unsere Athleten ganz gezielt aus und halten die Anzahl bewusst gering. Ich glaube nicht, dass es in diesem Bereich die Menge macht, sondern die Qualität. Und wenn wir mit Lorraine Huber die Gewinner der Freeride Worldtour 2017, mit Chris Davenport einen absoluten Ausnahmeathleten im Freeskiing sowie mit David Lama einen der weltbesten Alpinisten im Team haben, dann zeigt das, dass unsere Produkte eine hohe Performance bieten. Denn alle diese Personen bestreiten ihre Wettkämpfe oder Projekte mit Ski aus unserer Serie, wie sie jeder Konsument kaufen kann.

Wie oft waren Sie in der Vorsaison Skifahren und wo am liebsten?
CLEMENS TINZL:
In der vergangenen Saison habe ich 35 Tage auf Ski verbracht. Da ich seit Kindesalter leidenschaftlicher Skitourengeher bin, sind die große Mehrheit meiner Skitage Skitouren, die in Vorarlberg, Tirol und Graubünden stattgefunden haben. Mit dem älteren meiner beiden Söhne habe ich letzte Saison mit dem Skifahren gestartet und so werde ich wieder verstärkt auf der Piste anzutreffen sein. Das Skigebiet, mit dem ich mich persönlich am meisten identifiziere, ist der Glungezer. Trotz der relativ geringen Anzahl an Anlagen bietet der Glungezer beste Pisten in allen Schwierigkeiten und tolles Freeride-Gelände.